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Impulstag 20.03.2002
Eine Zusammenfassung mit aktuellen Zeitangaben von Dr. Georg Schörner

Programm:

3100 St. Pölten, Landhausviertel, Neue Herrengasse 1, Haus 1a, Landtagssitzungssaal

Moderation:

Dr. Georg Schörner
NÖ Landesakademie, Bereich Umwelt und Energie
(Veranstaltungsablauf ohne Diskussion)

Dr. Sabine Oppolzer,
ORF Ö1 Kultur
(Diskussionsteil)
14.30 Dr. Gerhard Bonelli, NÖ Landesakademie, Bereich Umwelt und Energie:
Begrüßung
Dr. Bonelli begrüßte Frau Landeshauptmann-Stellvertreter Prokop und die anwesenden rund 150 Tagungsteilnehmer. Traumhaus und Wohnsilo ist das Thema; es darf aber nicht zu einem Alptraumhaus werden. Er verwies auf den Grundsatz, dass Umwelt und der Mensch gleichberechtigte Partner sind und führte dies näher aus: Gebaute Umwelt ist wesentlicher Teil unserer Kulturlandschaft.
Er berichtete weiters über zwei Schwerpunkte innerhalb des Bereiches "Umwelt und Energie": Wichtig ist, in die Zukunft zu schauen und sich die Zukunft des Wohnens anzusehen. Grenzgänger, zwischen Natur und Wohnbedarf, zwischen technischen Erfordernissen und Ästhetik und Symbiose sollen uns berichten und die entsprechenden Untersuchungen durchführen. Ein ganzheitlicher Ansatz ist notwendig.
14.45Liese Prokop Landeshauptmann-Stv.: Einführung
Frau Landeshauptmann-Stellvertreter dankte zu Beginn der Landesakademie, dass sie sich diesem Thema angenommen hatte und betonte, wie wichtig die Frage nach zeitgemäßer Wohnarchitektur sei, aber auch die Wichtigkeit der Diskussion über ökologisches Bauen, über Neubau und Generalsanierung. Es geht nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität des Wohnens, um Hebung des Standards. Ökologische Werte sind bindend einzuführen, Förderungen sollen mit Ökologie verbunden werden. Wenn optimal gebaut werden soll, darf aber auch die Ästhetik nicht vergessen werden.
Dank gilt O.R.T.E., an Architekten, die an die Zukunft denken, für die Erstellung dieses Handbuches.
Wir alle müssen sparsam mit Ressourcen umgehen; im öffentlichen wie im privaten Wohnbau, aber mit hoher Wohnqualität und Ästhetik. An diese müssen ökologische und soziale Parameter angelegt werden. Wir erleben eine Zeitenwende im Wohnbau; der Wohnbau des 21. Jht. konzentriert sich: einfacher, intelligenter, effizienter, ökologischer, für die Menschen erschwinglich und mit hoher Wohnqualität ausgestattet.
Die NÖ Wohnbauforschung geht der Frage nach, welche Alternativen zu den Wohnformen gefunden werden können, wie kann der Wohnraum verdichtet und der natürliche Raum vergrößert werden ? Das Ziel sind Wohnqualität, gesundes Wohlfühlen und Umweltverträglichkeit. In diesem Zusammenhang wird man aber auch der Frage kritisch nachgehen müssen, warum der Wunsch nach einem freistehenden Einfamilienhaus so groß ist.
Wohnraum- und Wohnumfeldgestaltung bedürfen aber auch neuer Ideen; alle Verantwortlichen haben den Wert der Wohnbauforschung erkannt und es werden die aufgeworfenen Fragestellungen auch in Zukunft sehr wichtig sein; besonders auch die Althaussanierung.
Lebensqualität und gesundes Wohlfühlen rücken immer mehr in den Vordergrund; ökologische Aspekte gewinnen beim Bauen an Bedeutung; Ökologie bestimmt auch den Wohnungsmarkt.
Diese Entwicklungen werden auch vom Land NÖ gefördert.
Wir haben in Niederösterreich einen großen, vorhandenen Naturraum, auf den wir stolz sein können, da Raumordnung schon sehr frühzeitig eingesetzt hat und es wird dieser Naturraum in Zukunft noch mehr Bedeutung erlangen, wie z.B. für die Frage der Standortqualität (für Wirtschaft und Wohnen), aber wir müssen enorm sensibel damit umgehen. Der Impulstag wird sich mit konkreten Möglichkeiten und Qualifikationen für ein zukünftiges Wohnen beschäftigen; für das Ziel eines lebenswerten Niederösterreich.
15.00Dipl.-Ing Gerhard Lindner, Architekt und Vorstandsvorsitzender ORTE architekturnetzwerk nö:
Zuhause - wo ?
Der Vortragende stellte O.R.T.E.architekturnetzwerk. nö vor; als Gemeinschaft von Architekten und Nichtarchitekten. Das Thema ist Wohnbau, qualitativer Wohnbau und das Buch soll als Handbuch für Siedlungskultur dienen, als kritische Darstellung und Orientierungshilfe. Er dankte allen Autoren, der Wohnbauforschung, der Landesakademie und der Redaktion für die Arbeit und insbesondere geht der Dank an Frau Landeshauptmann-Stellvertreter für das Engagement in der Wohnbaupolitik.
Der Rahmen des Wohnens und Bauens ist auf seine Richtigkeit zu überprüfen und das Handbuch erleichtert dies. Wohnen ist zu Hause sein, das verbinden wir alle positiv. Wohnen kann aber auch ein Zustand sein: positiv und negativ. Wohnen passiert in Räumen an konkreten Orten. Dies bedeutet kritische Werte aber auch Wünsche: Wohnbau mit Inhalt, nicht orientiert an der Werbung, sondern außen bescheiden, innen aber mit Wohnkultur für die Bewohner. Dies könnte auch zu mehr inhaltlicher Diskussion im Wohnbau führen.
15.15Dipl.-Ing. Dr. Sabine Pollak, Dipl.-Ing. Edeltraud Haselsteiner, Dipl.-Ing. Roland Tusch:
In nächster Nähe: Werkssiedlungen, Wohnscheiben, Themen-wohnparks - Ein Handbuch zur Siedlungskultur in Niederösterreich

Untersucht man verdichtete Wohnformen der letzten hundert Jahre, so lassen sich trotz unterschiedlicher Voraussetzungen gemeinsame Qualitätsmerkmale herausarbeiten, die oft in Vergessenheit geraten sind, sich oft jedoch über Jahrzehnte bewährt haben und sich nun neu interpretiert als Potential für kommende Planungen erweisen können. Diese Qualitätsmerkmale können in fünf verschiedene Punkte zusammengefasst werden:

Siedlungstypologien, Repräsentationsflächen, Grundrisstypologien, Gärten und Zusatzeinrichtungen.

Die Frage nach dem Standort, der Lage und der Form einer Siedlung war niemals so eindeutig definiert wie in Form der Werksiedlungen des 19. Jahrhunderts, deren Lage sich als eine eindeutige Beziehung zur Fabrik ergab. Meist lagen sie außerhalb bestehender Ansiedlungen und die abgesonderte Lage wurde oft durch strikte Abgrenzungen in Form von umschließenden Mauern demonstriert. Heute ist die Frage nach dem Standort von Siedlungen durch einen paradoxen Zweifachwunsch definiert: dem Wunsch nach dem "Wohnen im Grünen" und dem Wunsch nach "Urbanität" zugleich: also "Urbanität auf der grünen Wiese".

Repräsentationsflächen wie individuell gestaltete Fassaden, Balkon- und Terrassenflächen, dekorierte Eingangstüren, Garagentore und Briefkästen sind normalerweise Privilegien freistehender Einfamilienhäuser. Diese demonstrieren mehr als jede andere Wohnform den Wunsch nach dem "Eigenen" und dem "Individuellen", das sich von der Masse abgrenzen soll. Im mehrgeschossigen und verdichteten Wohnbau müssen Repräsentationsformen mit anderen geteilt werden. Umso größer ist daher die Bedeutung einzelner, kleiner Elemente, die etwas Besonderes repräsentieren. Adresse und Hausnummer, Hauseingänge, Klingelbretter oder gemeinsam genutzte Vorräume können als Identifikationspunkte verschiedenste Möglichkeiten zur Repräsentation bieten.

Betrachtet man verschiedene Grundrisse seit der industriellen Revolution, so fällt auf, dass sich die Größe wie auch das Angebot an Räumen innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfacht hat. Noch Ende des 19. Jahrhunderts musste ein ebenerdiges Zwei-Zimmerwohnhaus das Wohnbedürfnis von zwei Familien abdecken: In einer gemeinsamen Küche wurde gekocht und gegessen und ein Zimmer diente als Wohn- und Schlafraum. Dem gegenüber steht ein heutiges Wohnbedürfnis einer vierköpfigen Familie von mindestens vier separaten Zimmern, einer großen Küche sowie entsprechenden Freiräumen. Kommende Grundrisse könnten wiederum anderen Kriterien unterliegen: etwa kann ein zusätzlicher Arbeitsraum wichtiger werden als ein familiäres Wohnzimmer, das nur zum Fernsehen dient, können gemeinsame Einrichtungen eine neue Bedeutung erlangen und könnten Wohnformen, die eine zunehmende Wohnmobilität erlauben - also flexible Strukturen und flexible Eigentumsformen - bedeutend werden.

Schrebergarten, Nutzgarten, Eigengarten, Balkongarten, Dachgarten, Hof, gemeinsames Grün: Gartenformen in verdichteten Siedlungen sind so vielfältig wie die Wohnformen selbst. Wichtig scheint, dass dort, wo ein eigener, vom Erdgeschoss begehbarer und abgegrenzter Garten nicht möglich ist, Flächen und Räume geschaffen werden, die diesen Garten ersetzen. Wenn das Wohnen im Grünen höchste Priorität in der Wohnzufriedenheit hat, so müssen in verdichteten Wohnformen brauchbare Alternativen zum eigenen Garten geschaffen werden. Balkone etwa können, wenn sie groß genug geplant sind, Freiraum, Erholungsraum, Wohnerweiterungsfläche, Kommunikationsfläche und Repräsentierfläche zugleich sein.

Zusatzeinrichtungen wie frei verfügbare Leeräume, Garagen, gemeinsame genutzte Räume sowie ein nutzerorientiertes Angebot an das Wohnen begleitende Funktionen wie Freizeit, Sport oder Betreuung können vor allem für periphere Randlagen bedeutend werden, da sie die fehlende Urbanität kompensieren können. Gerade in peripheres Wohnen können solche Zusatzeinrichtungen inkludiert sein, die in dicht verbautem Gebiet nicht möglich sind. Wenn in Werksiedlungen noch eigene Gasthäuser, Waschhäuser und Parkanlagen als Zusatzangebot geplant wurden, so bieten Siedlungen der späten 70er Jahre zumindest ein relativ großzügiges Angebot an vielfältigst nutzbaren Räumen wie etwa Schuppen, die abseits von Reihenhäusern als Stauraum, Trockenraum oder Werkstätte genutzt werden konnten. Kommende Zusatzeinrichtungen werden sich vor allem an bestimmten Zielgruppen orientieren müssen. Ein gezielt entwickeltes Zusatzangebot, das Sport, Freizeitaktivitäten, Betreuung oder neue Arbeitsformen berücksichtigt, kann Anreiz zu einem auch peripheren Wohnen bilden, für das sowohl längere Wegzeiten als auch fehlende Urbanität in Kauf genommen werden.

15.45Pause
16.05Dipl.-Ing. Günther Hintermeier:
Projektentwicklung NÖ Hypobank - Angebot und Nachfrage
Der Vortragende zeigte in einem Kurzreferat die Faktoren zwischen Angebot und Nachfrage auf. Da wären u.a. die Prioritäten der Nutzer mit sozialen Faktoren, Standortfaktoren, Faktoren der Objektqualität und finanzieller Faktoren zu nennen; die Prioritäten der Errichter , die gesellschaftlichen Trends und die negativen Phänomene des Status quo. Weiters wurden einige aktuelle Problemstellungen aufgezeigt und abschliessend partielle Lösungsansätze wie folgt gegeben:
16.20Franziska Leeb,Architekturjournalistin:
Architektur kein Thema ?

Durchforstet man die Architekturpublikationen und einschlägigen Datenbanken nach dem Stichwort "Wohnbau Niederösterreich" ist die Ausbeute im Gegensatz zur Ergebnisliste bei "Einfamilienhaus Niederösterreich" höchst spärlich. Reisen durch das Land bestätigen den Mangel an gestalterisch hochwertigen Wohnbauten.

Liegt dies am niedrigen Prestige, unter dem das verdichtete Wohnen gerade in den ländlichen Gebieten zu leiden hat? Mit Versatzstücken aus der Herrschaftsarchitektur versehen, täuschen zahlreiche Wohnbauten über unzulängliche räumliche und funktionale Qualitäten hinweg.

Der Wohnbau darf nicht als schnell verwertendes Konsumgut behandelt werden, schließlich gestaltet er den öffentlichen Raum, Städte und Landschaften langfristig. Ihn daher nur den Ökonomen zu überlassen und die Ästheten einzusparen wäre gerade im Wohnungsbau extrem kurzsichtig. Da gestalterische Qualität schwer bis gar nicht quantifizierbar ist, ist sie stark von der Verantwortung, dem Wissen und dem Wollen von Auftraggebern, Behörden, Planern und Ausführenden abhängig.

Anhand von Beispielen, die das Spektrum des (Un-)Möglichen skizzieren, ist abzulesen, dass gute Gestaltung mit für die Bewohner weitaus wesentlicheren Kriterien wie Praxistauglichkeit, Atmosphäre und Nutzbarkeit der Freiflächen Hand in Hand geht. Sorglosigkeit auf dem einen Gebiet überträgt sich meist auch auf das andere.

16.35Diskussionsrunde mit den Referenten/innen und Dr. Walter Zschokke und anderen Diskutanten.
In einer umfangreichen Podiums- und Publikumsdiskussion wurden vielfältigste Aspekte diskutiert und Lösungsansätze beleuchtet.
17.25Dr. Georg Schörner,NÖ Landesakademie, Bereich Umwelt und Energie:
Zusammenfassung und Ausblick
Dr. Schörner fasste die Tagung kurz zusammen und gab einen Überblick über derzeit laufende und in naher Zukunft zu erwartende Forschungsarbeiten der NÖ Wohnbauforschung.
17.10 Anschl. Buffet

Jeder Teilnehmer erhielt kostenlos das Buch IN NÄCHSTER NÄHE - Ein Handbuch zur Siedlungskultur in Niederösterreich

Die Tagungsteilnahme war kostenlos.

Eine Veranstaltung der NÖ Landesakademie, Bereich Umwelt und Energie

in Zusammenarbeit mit ORTE